Die Schuldfrage

  • Kann mir jemand erklären, weshalb grundsätzlich Adoptivkinder die Schuldigen sind, wenn irgend etwas schief läuft? Unsere Pflegekinder wurden von allen bedauert, man steckte den Armen etwas zu, auch wenn es gebrauchte Sachen waren, die man nicht mehr wollte. Bei der Adoptivtochter sah es von Anfang an anders aus. Es wurde in christlichen Kreisen nicht mit ihr, dafür sehr viel über sie geredet. Ich empfinde es als belastend, wenn diese inzwischen junge Dame, immer wieder fertig gemacht wird.

    - Unsere Tochter kennt seit 4 Jahren einen Jungen durchs Internat, den sie öfter besucht. Vor 10 Tagen war er bei uns. Nach dem Wochenende erzählten sie erstaunt, eine Kollegin war am Wochenende in dem selben Ort, wo der Freund wohnt, bei einem Jungen und sie verstehen sich so gut, auch mit dessen Eltern. Uns geht es nichts an, wir kennen das Mädchen nicht, ihre Mutter erzählte mir, dass sie nur einen christlichen Freund haben darf. Ich sagte dazu nichts, weil ich nicht weiß, ob es dann einfacher ist, sich scheiden zu lassen, wie die Mutter es nach 35 Ehejahren tat und wieder heiratete. Unsere brachten wir am letzten Donnerstag zum Bahnhof und holten sie sonntagsabends wieder ab - allein. Sie erzählte, dass ihre Kollegin am Samstag dort auftauchte und sie bei der Rückfahrt ein Stück gemeinsam im Zug saßen. Dann trennten sie sich, weil die Bahnhöfe etwa 30 km auseinander liegen. Am Montag kam das große Theater. Die Bekannte verpasste ihren Bahnhof, fuhr zu weit und deren Mutter macht unsere Tochter fertig, sie sei Schuld. Der neue Freund dieses Mädchens wirft unserer Tochter vor, dass sie sie nicht nach Haus begleitete. Aber unsere war noch nie in dem Ort, käme dort abends nicht weg nach Hause, da wir woanders wohnen. Vergeblich bemühe ich mich, unserer Tochter klar zu machen, dass sie keine Schuld hat, wenn jemand sich einen ungläubigen Freund sucht und dass sie keine Verantwortung hat, dass andere, Volljährige nach Haus kommen, zumal die wohl schon öfter dorthin allein gefahren ist. Wie seht ihr das? Ich finde diese Vorwürfe beleidigend und massiv unchristlich.

    Dann war vor mal die Sache mit den Süßigkeiten. Der Sohn des Ältesten hatte die Idee, der Pastorentochter die Weihnachtssüßigkeiten wegzunehmen. Zu viert schlichen sie sich während des Gottesdienstes in ihr Zimmer. Unsere Tochter gab zu, mit dem Ältestensohn und Zwillingen die Sachen genommen zu haben, entschuldigte sich und gab ihre eigenen Weihnachtsschokoladen ab. Die anderen waren gesehen worden, aber sie stritten es ab und gaben nichts zurück. Schuld war allein die adoptierte Russin und es wurde so getratscht, dass ich im Gebet wusste, sie verfluchten uns. Ist sie Schuld, weil sie Vollwaise war?

    Während der Gemeindefreizeit gab es einen kostenlosen Büchertisch im CVJM Heim. Es stand da ein Korb und darüber hing ein Schild: " Bitte bedienen sie sich!" Der Sohn des Ältesten und unsere leerten den Korb und kauften am Kiosk ganz viel Weingummi. Sie wurden erwischt, weil alle anwesenden Kinder um sie standen und kauten. Der Junge und unsere verteilten eifrig, unsere hatte selbst noch nichts gegessen. Wir nahmen ihr das Weingummi weg, das sie noch hatte, gaben es zurück und legten das Geld in den Korb. Alle hatten gegessen. Aber es gab nur ein Thema auf der Freizeit, man müsse die ordentlichen Kinder vor der widerlichen Göre schützen. Meine Freundin erzählte uns, die hätten sie so verflucht, aber keine machte den Schaden wieder gut, den sein Kind durchs essen des Weingummis angerichtet hatte. Danach durften viele keinen Kontakt mehr zu ihr.

    Solche Dinge passierten immer wieder und es ist verständlich, dass unsere Tochter mit diesen falschen Christen nichts zu tun haben will.

    Ist ein Mensch schuldig, nur weil er im Waisenhaus aufwuchs? Ich bin das so Leid! Für mich sind das alles Heuchler, auch die Frau, deren unschuldige Tochter verführt wurde ( von wem?), einen Ungläubigen zu besuchen, was Sünde ist. Die Mutter will ihr den Mann aussuchen . Na gut, das Mädchen soll nicht gläubig sein, muss gezwungener Maßen in Gottesdienste, wie die Mutter, die ich fast 40 Jahre kenne, mir sagte.

    Wie tröstet man unsere Tochter, die sich wie ein Schwerverbrecher vorkommt?

  • Da gibt es nicht viel Trost. Die Menschheit ist gemein und voller Vorurteile. Sie (Eure Tochter) kann nur selbst stark sein, so schlimm es ist. Ich spreche solche Ungerechtigkeiten offen an und zwar sofort und egal um wen es sich dreht. Ich habe so oft erlebt, dass genau dies unheimlich erleichternd ist - und zwar für viele Andere, die genau so empfinden, es aber niemals aussprechen würden/könnten.

    Allerdings bringt das auch mein Beruf so mit sich - aussprechen, offen machen und verändern sofern möglich.

  • Bille,es ist gut, wenn man miteinander reden kann. Das ist oft nicht möglich. In obigem Fall schrieb mir die Mutter, sie möchte keinen weiteren Kontakt.


    Gestern kam ein neuer Schock. Unsere Tochter ist schwanger, war erst in 3 Jahren geplant, aber sie nehmen es an. Er will im Frühjahr her ziehen. Gestern wurde ihr die Wohnung gekündigt, weil sie nur allein gemietet hat, Baby ist nicht erwünscht . Sie hat einen Termin bei Pro Familia, die wollen helfen, etwas zu finden. Da bringt ein Gespräch mit dem Vermieter nichts. Spannungen sind nicht gut für das Ungeborene

    Wer Leben ablehnt, macht sich meiner Meinung nach schuldig. Immer mehr Vermieter wollen keine Kinder. Wenn das vorher vereinbart ist, kann man das tolerieren, Aber wer Schwangere auf die Straße setzt, macht sich schuldig.

    Der Friede Jesu Christi sei mit euch!
    Gera

    Einmal editiert, zuletzt von Gera ()

  • Zitat von Gera

    Gestern wurde ihr die Wohnung gekündigt, weil sie nur allein gemietet hat, Baby ist nicht erwünscht .

    Da will ich doch Zweifel anmelden, ob ein solcher Grund für eine Kündigung vor Gericht Bestand hätte.

  • Nemesis,


    das stimmt mit Sicherheit. Aber wir wollten anfangen, etwas zu suchen. Sie wohnt dort seit 10 Monaten, das versprochene Waschbecken im Bad wurde noch nicht angebracht, das Fenster im Bad schließt nicht, andere Fenster haben einen Sprung und die Heizung packt es nicht. Das Badewasser wird nur lau. Die Wohnung ist eine Bruchbude, aber wir suchten 9 Monate vergeblich. Nun hilft Pro Familia bei der Suche, die haben mit Sicherheit mehr Beziehungen als wir. Wir kämpfen nicht gegen die Grafen vom Scjloss, die Hausbesitzer. Wir akzeptieren nur nicht, dass unsere Tochter eine neu Haustür kaufen soll. Die fiel fast auseinander, als sie einzog, die Fliese davor war locker, sie fiel die Treppe runter, war krank geschrieben. Die können froh sein, dass wir nicht geklagt haben. Der Vorteil war, dass man in 3 Minuten von uns aus dort war und unsere Adoptivtochter uns noch oft brauchte. Gott wird alles zum Besten wenden. Die Wohnung ist so im Prinzip nicht vermietbar, müsste saniert werden. Im Dorf wird geredet, die Grafen hätten kein Geld.

  • Da will ich doch Zweifel anmelden, ob ein solcher Grund für eine Kündigung vor Gericht Bestand hätte.

    Da will ich doch eben solche Zweifel anmelden.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Zitat von Gera

    Die Wohnung ist so im Prinzip nicht vermietbar, müsste saniert werden.

    Ja, nach deinen Schilderungen hat man jetzt eher das Bild von einer Baustelle oder eben Bruchbude, als das einer Wohnung. Wenn die Heizung nicht vernünftig funktioniert könnte auch Schimmel ein ernstes Problem werden. Ich wünsche euch, dass ihr bald eine anständige Bleibe für eure Tochter findet, die ein wirkliches "Zuhause" sein kann.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!