Ist es richtig, wenn Christen heute die Todesstrafe unter Berufung auf die Bibel fordern?

  • Als Teenager hörte ich über Radio Luxemburg früh morgens oft christliche Sendungen von verschiedenen Missionswerken, so z. B. von Anton Schulte ("Neues Leben"), Werner Heukelbach ("Gerade du brauchst Jesus") und der "Lutherischen Stunde. Heukelbach war nicht so mein Fall, mit Anton Schulte aber hatte ich damals einen regen Briefkontakt.


    Von der Luherischen Stunde wurde mir damals ein kostenloser Bibel-Fernkurs angeboten, den ich bestellte und dann auch durcharbeitete. In einer Ausgabe dieses Kurses wurde u. a. auch die Todesstrafe angesprochen und als gut und richtig bezeichnet. Es wurden dort zur Begründung Themen und Bibelverse angegeben. So hieß es dort, dass das Gesetz des Alten Testamentes die Todesstrafe bei bestimmten Taten vorgeschrieben hatte: Ermordung (2. Mose 21:12), Entführung (2. Mose 21:16), Bestialität (2. Mose 22:19), Ehebruch (3. Mose 20:10), Homosexualität (3. Mose 20:13), ein falscher Prophet sein (5. Mose 13:5), Prostitution und Vergewaltigung (5. Mose 22:4) und einige andere Verbrechen.


    Das konnte ich nicht glauben. Damals ging ich jeden Tag, wenigstens kurz, zu meinen Großeltern, die etwa 150 mtr. weg wohnten, um dort einiges hinzubringen und abzuholen. Meine Großeltern waren auch sehr überzeugte Christen und so unterhielt ich mich öfter sehr ausführlich mit meiner Oma über den Glauben.


    So berichtete ich Ihr an jenem Tag auch über diese Aussagen in diesem Bibelfernkurs. "Ja", sagte meine Oma, "die haben Recht!" Ich weiß noch wie heute, wie ich das nicht glauben konnte. Ich erinnerte meine Oma an ein Lied, dass sie oft mit uns zusammen sang: "Gott ist die Liebe!"


    "Ja", sagte sie, "aber in der Bibel steht, dass jemand der einen anderen Menschen umgebracht hat, sein Leben verwirkt hat" Das steht in der Bibel an ganz vielen Stellen! Wenn unsere Regierung das anders macht, handelt sie nicht biblisch!" Naja, an diesem Punkt wurden wir nie einig.


    Aber, wie seht Ihr das denn. Immerhin gibt es ja, da hatte meine Oma doch Recht, sehr eindeutige Anweisungen in der Bibel, die eindeutig die Todesstrafe fordern.


    Mich würde jetzt einmal besonders interessieren, was dazu die Christenunter uns meinen.

  • Zitat von Günter

    Aber, wie seht Ihr das denn. Immerhin gibt es ja, da hatte meine Oma doch Recht, sehr eindeutige Anweisungen in der Bibel, die eindeutig die Todesstrafe fordern.

    Mich würde jetzt einmal besonders interessieren, was dazu die Christenunter uns meinen.

    Kurz gesagt: Für Christen ist die Todesstrafe bei Vollstreckung durch die staatliche Exekutive nicht legitim.


    Die Texte, die aus der Tora manchmal angeführt werden, um die Todesstrafe auch heute noch für Christen zu rechtfertigen, galten für Israel in seiner Rolle als Volk Gottes unter dem Gesetzesbund (alter Bund). Dazu gehörten ja auch die Sabbatvorschriften, der Opferritus; insgesammt um die 600 Gesetze und Vorschriften.


    Christen leben nicht mehr unter dem jüdischen Gesetzesbund, welcher ja mit Christus "an das Holz gehängt wurde".


    Der Apostel Paulus liefert dafür ein Beispiel, als er von der Unzucht erfuhr, unter der die Gemeinde in Korinth litt. (1. Kor. 5,1-2) Nach den jüdischen Gesetz hätte der reuelose Sünder die Todesstrafe erhalten. Paulus jedoch wies die Korinther an, den Mann aus "ihrer Mitte zu entfernen"; d.h. die Exkommunikation zu vollziehen. Von Todesstrafe ist da keine Rede mehr.


    Mir ist aus dem Neuen Testament, welches ja für Christen entscheidend ist, kein Text bekannt, der es Christen erlauben würde, die Todesstrafe zu verhängen oder von staatlicher Seite verhängen zu lassen.

  • Nun, Nemesis, ich stimme Dir aus vollem Herzen zu.


    Es gibt allerdings nicht wenige Christen, die das anders sehen. Man denke nur einmal an die USA. Zwar werden die Befürworter für die Todesstrafe unter Christen weltweit immer weniger, was möglicherweise auch mit den Äußerungen des Papstes zusammen hängt, aber es gibt noch viele Christen, besonders aus dem konservativeren Bereich, welche die Todesstrafe befürworten oder aber wenigstens nicht "als falsch" bezeichnen bzw. die Meinung vertreten, dass das Gottes Wort uns die Todesstrafe nicht verbietet. Dafür hier ein Beispiel:


  • Bedenkenswert in diesem Zusammenhang ist auch dieses Gespräch vom DLF:

  • Zitat

    Daher werden wir sicher, wenn eben möglich, vermeiden, tatsächlich das „Schwert" der Regierung zu tragen. Allerdings verbietet uns Gottes Wort das nicht.

    Doch, genau das tut er. Durch Jesus Christus lässt er uns sagen:


    Zitat von Jesus in Matth. 26,52

    Da spricht Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort! Denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen.

    Für Christen ist das Leben heilig. Nur Gott selbst und Jesus Christus als König und Richter des Königreiches haben die Befugnis, über Leben und Tod zu entscheiden. Zwar wird den Regierungen gewährt, das "Schwert" zum Zorn und zur Rache gegenüber Übeltätern zu führen, was auch die Vollstreckung der Todesstrafe miteinbezieht, aber es legitimiert nicht jede Verurteilung vor Gott - siehe dazu die vielen Fehlurteile oder politisch motivierte, bewusste Morde von Regierungen an politischen Gegnern. Das muss klar differenziert werden.

  • Zitat

    Wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Auslegung, nicht ohne Interpretation zu verstehen. Schon jede Übersetzung ist eine Interpretation. Jedes Lesen, jedes Vorlesen ist schon eine Auslegung. Es ist auch unsinnig zu sagen: Ich nehme die Bibel wörtlich, denn das wäre auch Interpretation und noch dazu eine unangemessene.

    Diesbezüglich bin ich der Ansicht, dass sich Gottes Wort durch den Zusammenhang selbst auslegt. Einzelne Texte wörtlich zu nehmen und unbedacht zu interpretieren, führt natürlich in die Irre.

    Genauso irreführend ist es aber, wenn man versucht, Gottes Wort an den heutigen Zeitgeist anzupassen, indem man die biblischen Lehren z.B in Sachen Moral verwässert.

  • Was aber, wenn man es gar keine göttlich/biblische Moral gibt, weil alle diese Dinge nur von bestimmten Menschen in diese Bücher geschrieben wurden, um der Vorstellung von Moral dieser Menschen eine "übergeordnete" Bedeutung, Wichtigkeit und vor allem Legitimation zu verschaffen. Was, wenn es hier, wie überall anders auch, nur um persönliche Interessen geht.
    Vom konstantinischen Rom bis zum 20. Jahrhundert hatte so gut wie kein christlich geprägter Staat auf der Welt auch nur die geringsten Hemmungen, Mörder hinzurichten oder Kriege zu führen. Was sagt uns das? Hat das "wahre" Christentum, das Nemesis so gerne beschwört, 2000 Jahre lang versagt oder ist nicht viel wahrscheinlicher, dass die Bibel wie jedes andere Buch auf der Welt ein Produkt menschlichen, nicht göttlichen Handelns ist.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Zitat von Grubendol

    Was aber, wenn man es gar keine göttlich/biblische Moral gibt, weil alle diese Dinge nur von bestimmten Menschen in diese Bücher geschrieben wurden, um der Vorstellung von Moral dieser Menschen eine "übergeordnete" Bedeutung, Wichtigkeit und vor allem Legitimation zu verschaffen. Was, wenn es hier, wie überall anders auch, nur um persönliche Interessen geht.

    Dann haben wir es mit den unsachlichen - gerade weil an "persönlichen Interessen ausgerichteten" Interpretationen von menschen zu tun, die im Widerspruch zum Wort Gottes in der Bibel stehen.


    Die Bibel ist über die Jahrhunderte hinweg immer wieder mit Irrlehren konfrontiert und diskreditiert worden. Daher ist ja ein umfangreiches Textstudium so entscheiden wichtig, damit man bei den ganzen Irrlehren den Blick für die tatsächlichen biblischen Aussagen nicht verliert, womit man nur den Irrlehrern in die Karten spielt.


    Zitat von Grubendol

    Hat das "wahre" Christentum, das Nemesis so gerne beschwört, 2000 Jahre lang versagt oder ist nicht viel wahrscheinlicher, dass die Bibel wie jedes andere Buch auf der Welt ein Produkt menschlichen, nicht göttlichen Handelns ist.

    Im Gegenteil. Das wahre Christentum kämpft seit 2000 Jahren gegen die maßgeblich katholische Perversion des christlichen Glaubens, welche die Bibel zu einem Buch degradieren will, das


    "wie jedes andere Buch auf der Welt ein Produkt menschlichen, nicht göttlichen Handelns ist."


    Damit wollen sich die Irrlehrer quasi zum Gott an Gottes Statt machen. Und sie haben damit immer noch Erfolg, gerade auch unter den Atheisten.

  • Sorry, aber wenn ich zum Regal gehe, habe ich ein Buch in der Hand, mehr nicht. Nicht Gott schuf den Menschen "nach seinem Bilde" - der Mensch schuf sich seine Götter nach seinem Bilde. Deswegen sind die meisten Götter auch gewalttätig und rachsüchtig, sind Vergewaltiger und Mörder. Und Jehova macht da, wenn man ihn mit anderen religiös-literarischen Figuren wie Zeus oder Odin vergleicht, auch keine bessere Figur.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Zitat

    Sorry, aber wenn ich zum Regal gehe, habe ich ein Buch in der Hand, mehr nicht. Nicht Gott schuf den Menschen "nach seinem Bilde" - der Mensch schuf sich seine Götter nach seinem Bilde. Deswegen sind die meisten Götter auch gewalttätig und rachsüchtig, sind Vergewaltiger und Mörder. Und Jehova macht da, wenn man ihn mit anderen religiös-literarischen Figuren wie Zeus oder Odin vergleicht, auch keine bessere Figur.

    Genau so funktioniert ja die Verblendung, von deren Anfängen die Bibel ja schon berichtet. Es beginnt ja schon mit der Abkehr von dem wahren Gott. Um diese Lücke ideologisch zu füllen, mussten sogar neue "Götter" erschaffen werden. Und im Erfinden von "Göttern" ist der mensch wahrlich nicht müde geworden. Dass dabei die Wahrheit um den einen wahren Gott völlig unterdrückt wird, ist ein wesentlicher Teil dieses Systems. Und dass es sich bei den erfundenen Göttern um Anthropomorphismen handelt, ist nun auch nicht wirklich überraschend.

  • Sorry, aber ich hatte extra zwei Namen von Göttern ausgewählt, die im Vergleich zu Jehova nicht neu waren, lediglich anderen Kulturkreisen entstammen.


    Dass sein Gott der "wahre" Gott sei, behauptet nun einmal jeder Gläubige, egal welcher Religion er angehört. Das ist, wie du so schön sagst, ein wesentlicher Teil dieses Systems und in keiner Weise ein überzeugendes Argument. Vielmehr wurde und wird es immer wieder dazu verwendet, Andersgläubige umzubringen.


    Die Grundfrage war immer, wie man andere Menschen dazu bringt, für einen zu sterben oder andere Leute umzubringen, um zum Thema dieses Threads zurückzukommen. Was ist einem Menschen teuer genug, um ihn mit seinem Leben dafür bezahlen zu lassen? Und genau hier war die Religion im Vorteil, jahrhundertelang. Die Religion handelte immer vom Tod. Sie wurde nicht zur Betäubung eingesetzt, sondern eigentlich als Werkzeug — sie brachte Leute dazu, für eine bestimmte Kollektion von Ansichten über den Tod zu sterben.


    Ich könnte also auch einfach behaupten, dass mich Kahless nach meinem Tod im Sto'Vo'Kor erwartet, wenn ich nur in einem ehrenhaften Kampf sterbe, und das wäre ebenso wahr wie irgendeine Behauptung aus Bibel, Koran, Edda, Gita usw.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Zitat

    Die Grundfrage war immer, wie man andere Menschen dazu bringt, für einen zu sterben oder andere Leute umzubringen, um zum Thema dieses Threads zurückzukommen. Was ist einem Menschen teuer genug, um ihn mit seinem Leben dafür bezahlen zu lassen? Und genau hier war die Religion im Vorteil, jahrhundertelang. Die Religion handelte immer vom Tod. Sie wurde nicht zur Betäubung eingesetzt, sondern eigentlich als Werkzeug — sie brachte Leute dazu, für eine bestimmte Kollektion von Ansichten über den Tod zu sterben.

    Wir können uns zwar über Religion unterhalten, aber was bringt das? Dass Religion als Werkzeug missbraucht wurde, um Menschen bis in den Tod zu belügen und zu unterdrücken... Dass es für Unterdrückung und Lüge keines "Gottes" bedarf, sondern letztlich nur eines Prinzips oder einer Ideologie, welche den "göttlichen" Status erhält...? Das alles ist seit der Abkehr des Menschen von Gott bekannt.


    Zitat

    Dass sein Gott der "wahre" Gott sei, behauptet nun einmal jeder Gläubige, egal welcher Religion er angehört. Das ist, wie du so schön sagst, ein wesentlicher Teil dieses Systems und in keiner Weise ein überzeugendes Argument. Vielmehr wurde und wird es immer wieder dazu verwendet, Andersgläubige umzubringen.

    So wie der Corona-Maßnahmen-Gegner, der den Kassierer einer Tankstelle erschoss... Du bringst das Problem schon auf den Punkt, wenn du vom "wahren" Gott als den Gott der jeweils Gläubigen sprichst. Ist das nicht aber vielmehr der Egoismus, der subjektiv vergöttlicht wird? Nicht Gott selbst steht im Zentrum des Denkens dieser Gläubigen, sondern die persönliche Idealisierung eines Gottesbildes - geprägt durch Kultur, Erziehung und schließlich Lebenserfahrung!


    Denkst du Günter, Gera oder meine Wenigkeit wären in der Lage oder jemals willens einen Andersgläubigen oder Atheisten umzubringen?

  • Ihr vielleicht nicht, aber das System beinhaltet die Möglichkeit. 2. Mose 22:18:


    Lutherbibel 1912

    22:17 Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.


    Textbibel 1899

    Eine Zauberin sollst du nicht am Leben lassen.


    Modernisiert Text

    Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.


    De Bibl auf Bairisch

    Ayn Hex sollst nit eyn n Löbn laassn.


    King James Bible

    Thou shalt not suffer a witch to live.


    English Revised Version

    Thou shalt not suffer a sorceress to live.



    https://bibeltext.com/exodus/22-18.htm

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Ach, und das macht es jetzt besser?


    Ihr Heuchler. (Matthäus 7,3)

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

  • Ach, und das macht es jetzt besser?


    Ihr Heuchler. (Matthäus 7,3)

    Da steht:


    "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?" (Lutherbibel 2017)


    "Warum starrst du auf den winzigen Splitter im Auge deines Mitmenschen und nimmst gleichzeitig das dicke Brett nicht wahr, das dir den Blick auf die Wirklichkeit und auf dich selbst vollkommen verstellt?" (Das Buch von Roland Werner)


    Wie schön, Grubi, dass Du da doch anders (besser) bist.  :saint:

  • Ich sage zumindest niemandem, dass er auf ewig in die Hölle kommt, wenn er nicht meine Überzeugungen teilt.

    "Ihr Menschen seid schwach und zerbrechlich! Wenn Euer Magen spricht, dann vergesst Ihr Euer Hirn!
    Und wenn Euer Hirn spricht, dann vergesst Ihr Euer Herz! Und wenn Euer Herz spricht, dann vergesst Ihr alles!"

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