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Freundschaft mit Gott – Ist
das möglich?
von
Ingeborg Piechottka-Ruks
Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebet,
wie ich euch geliebt habe. Eine größere Liebe hat niemand als die, dass
er sein Leben für seine Freunde hingibt.
(Johannes 5,12)
Freundschaft hat in den letzten Jahrzehnten einen zunehmenden
gesellschaftlichen Stellenwert gewonnen. Die gesellschaftlichen
Strukturen sind im Verlauf der letzten Jahrzehnte zunehmend
differenzierter geworden. Der einzelne Mensch kann bzw. muss immer mehr
Entscheidungen hinsichtlich des eigenen Lebens treffen. So muss er in
beruflicher Hinsicht zunehmend geographisch und sozial mobil sein.
Ich lebe im Ruhrgebiet, einem dicht besiedelten Raum. Dort gehören, die
vollen morgendlichen Nahverkehrszüge mit Berufspendlern, die von ihrem
Wohnort in eine der Nachbarstädte zum Arbeiten fahren zum Alltag. Aber
auch die räumliche Überwindung größerer Distanzen und häufige Umzüge
bedingt durch berufliche Anforderungen sind mittlerweile keine
Seltenheit mehr. Der einzelne Mensch wird vermehrt aus der
Geschlossenheit sozialer Horizonte und Gruppen gerissen und mit neuen
Lebensformen und Daseinsmöglichkeiten konfrontiert. Diese müssen
bewältigt werden, denn sie werden nicht nur als Glück, sondern auch als
Bedrohung empfunden.
Bekannte Fernsehserien der letzten Jahre wie „Freunde fürs Leben"
und „Girl-Friends" spiegeln nach meinem Eindruck diese
gesellschaftliche Tendenz wieder.
Freundschaft umfasst für mich verschiedene Qualitäten, wie gegenseitige
Akzeptanz, Interesse am Gegenüber, emotionales Verständnis,
Hilfsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit, Loyalität und
Autonomie.
Was bedeutet jedoch Freundschaft mit Gott? Lässt sich von Gott überhaupt
in den oben angeführten Kategorien sprechen?
Die alten klassischen Bestimmungen von Gott als die des „Herrschers",
des „Erlösers" und des „Richters" sind uns bekannt.
Die Bibel schreibt an zahlreichen Stellen über Freundschaft. Das
bekannteste Freundespaar der Bibel sind wohl David und Jonathan. Wir
erfahren aber auch von der emotionalen Begleitung des leidenden Hiobs
durch seine Freunde. Auch die Beziehung zwischen Rut und ihrer
Schwiegermutter Naomi zeigt nicht nur verwandtschaftliche Züge, sondern
lässt sich nach meinem Empfinden auch als Frauenfreundschaft
charakterisieren.
Lässt sich diese Erfahrung der Freundschaft zwischen Menschen auch
zwischen Gott und Mensch machen? Gibt es da nicht einen fundamentalen
Unterschied zwischen menschlichen Freundschaften untereinander und der
Beziehung zwischen Mensch und Gott?
In Exodus 33, 11 lesen wir:
Jahwe aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann
mit seinem Freunde redet.
Bei Hiob (Hiob 29,4) steht:
So wie ich war in meines Herbstes Tagen, da Gott noch mein Gezelt mit
einer Hecke schützte.
Nun, das sind Aussagen einzelner Persönlichkeiten des Alten Testaments,
die offenbar in besonderer Weise die Nähe Gottes erfahren durften. Moses
erlebte die besondere Zuwendung Gottes zunächst mit Furcht. Als Gott dem
Moses auf dem Berg Horeb in einer brennenden Feuerflamme aus dem
Dornbusch erschien, wurde dieser mit Angst erfüllt:
Da verhüllte Moses sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott
anzuschauen."
(Exodus 3, 7).
Moses erhält von Gott den Auftrag, das Volk Israel aus Ägypten
herauszuführen (Exodus 3,10). Als Sprecher des Volks ist er Gott
besonders nahe. Wenn jemand aus dem Volk Jahwe befragen wollte, ging
Moses zum Zelt der Offenbarung. War Moses in das Zelt eingetreten,
senkte sich die Wolkensäule herab und blieb am Eingang des Zeltes
stehen, während Gott mit Mose redete.
(Exodus 33,7 – 11)
Im Neuen Testament beschreibt Jesus im 15. Kapitel „Der wahre Weinstock"
die Beziehung zwischen sich und seinen Jüngern als die von Freunden:
Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebt
habe. Eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben für
seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich
euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß
nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich
euch alles kundgetan habe, was ich von meinem Vater gehört habe.
(Johannes 15, 12 – 15)
Der Knecht hat zu Gott zu viel Distanz. Er ordnet sich unter. Diese
Differenz ist unüberbrückbar.
In der Beziehung Gott – Mensch als Freundschaft spielen Vorstellungen
wie Partnerschaft und Gleichberechtigung eine große Rolle. Freundinnen
und Freunde haben das Recht und die Möglichkeit, an Gottes Handeln
mitzuwirken. Diese Gottesbeziehung zeigt sich vor allem im Gebet. Hier
dürfen wir die Nähe Gottes im Gespräch und im Hinhören erfahren. Wir
dürfen wissen: Gott liebt uns in aller Freiwilligkeit und diese Freiheit
der Liebe gesteht er auch uns zu.
Dennoch ist nach meinem Empfinden die Formulierung „Freundschaft mit
Gott" nicht völlig unproblematisch. Die Beziehung Gott und Mensch ist
bekanntlich auch eine konfliktreiche, bei der von Gottes Seite alles
gegeben wurde, damit wir als Menschen mit Gott versöhnt und Freunde
werden können. Die Bibel enthält zahlreiche Beschreibungen, dass sich
Menschen gegen die Zuwendung Gottes auflehnen und das Lob Gottes
behindern. Jesus verlieh mit der Bezeichnung als Freunde einen
Ehrentitel an seine Jünger. Er ist jetzt schon mit ihnen in einer engen
Gemeinschaft verbunden, aber diese Gemeinschaft hat auch ein
eschatologisches Ziel.
Okay, Jesus hat so zu seinen Jüngern gesprochen. Aber ich mit meinen
Schwächen und Abgründen, darf ich mich als Freundin Jesus bezeichnen?
Wenn ich auf meine Fehler und Untiefen schaue, darf ich das eigentlich
nicht. Aber ich weiß, dass Jesus mich immer wieder neu an die Hand nimmt
und aus dem, was ich verkorkst habe, etwas völlig Neues, Gutes machen
kann und will. Jesus grenzenlose Liebe zu mir schenkt mir Mut und
Vertrauen, mich als seine Freundin zu bezeichnen. Ich bleibe so manches
Mal weit hinter meinen eigenen Erwartungen an mich im Hinblick auf meine
Beziehung zu Gott zurück: Schon wieder habe ich meine morgendliche
Andachtszeit nicht eingehalten. Beim Abendgebet bin ich eingeschlafen.
Auf diesen Menschen verspüre ich einen echten Zorn, weil er sich negativ
oder bösartig zu mir verhalten hat. Eigentlich müsste ich mir mal wieder
Zeit für ein Gespräch mit dieser oder jener Freundin nehmen, aber wie
soll ich das bei meinem vollen Terminkalender derzeit schaffen? Warum
habe ich meiner Mutter eine so krasse Antwort gegeben, nur weil ich müde
war und keine Energie zu einem ausführlichen Gespräch hatte? Warum habe
ich so hochmütig über diesen Menschen geurteilt, nur weil er aus meiner
Sicht recht einfach strukturiert ist?
Diese Aufzählung lässt sich noch beliebig fortsetzen, und, wenn ich
ehrlich bin, gebe ich dabei nicht immer die beste Figur ab. Doch in
meinem Unvermögen schenkt mir Gott Hoffnung und Freunde, dass seine
Liebe mich trägt und er sich mir als Freund zuwendet. Diese Freundschaft
Gottes zu mir hat für mich eine viel tiefere und ernsthaftere Qualität,
als eine zwischenmenschliche Beziehung. Denn Gott kennt mich durch und
durch, so wie ich mich nicht einmal selbst kenne. Sein Opfertod hat mir
den Weg zum Vater geöffnet. Deshalb geht seine Freundschaft zu uns
Menschen über zwischenmenschliche Dimensionen hinaus, denn Jesus tritt
uns immer als wahrer Mensch und wahrer Gott gegenüber. In diesem Wissen
und Ergreifen der unendlich Liebe Gottes zu mir / zu Ihnen umfasst für
mich der Satz:
Eine größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben für seine
Freunde hingibt -
das wunderbare Liebesangebot Gottes an uns Menschen, der seinen Sohn
aus Liebe zu uns Menschen opferte, um mein Freund/ Ihr Freund zu sein.
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Literaturhinweis: Gott als Freund? Theologische Reihe, Forum 153, J. C.
Bundschuh, R. Hempelmann, K. Schulz, K. Vollmer, Reinhard Kawohl, Verlag
für Jungend und Gemeinde, Wesel, 2000
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